Konflikte lösen, wie Anna

Konflikte lösen, wie die Bäuerin Anna am Rablhof

 

Anna ist Bäuerin auf dem Rabl-Hof, den sie und ihr Mann vor einem Jahr von den Eltern ihres Mannes übernommen haben. Anna und Hans haben zwei Kinder, 8 und 12 Jahre alt. Die Schwiegereltern leben ebenfalls auf dem Hof. Seit sie vor 15 Jahren nach der Hochzeit mit Hans zu ihrem Mann auf den Hof gezogen ist, gab es im Zusammenleben mit den Schwiegereltern immer wieder Konflikte.

Anna glaubt, dass sie es den Schwiegereltern nicht recht machen kann. Sie bemüht sich, ihre Arbeit im Hof und im Haushalt gut zu machen und achtet auch darauf, dass sie und ihre Familie Zeit zum Ausspannen finden.
Seit der Hofübernahme sind die Konflikte mit den Schwiegereltern noch größer geworden. Die Schwiegereltern können nicht so leicht loslassen. Sie wollen nach wie vor gebraucht werden und reden bei betrieblichen und auch bei familiären Problemen mit. Sie wollen, dass im Betrieb gut gewirtschaftet wird, und sie wollen stolz sein können auf ihren Sohn und auf ihren Betrieb, den sie aufgebaut haben. Sie verlangen jetzt noch mehr als früher, dass Anna immer zur Verfügung steht, dass sie den Haushalt führt, den Garten betreut, Urlaub am Bauernhof organisiert und die eigene Familie und sie selber versorgt und wenn Arbeitsspitzen anstehen, zudem auch noch im Betrieb mithilft.Sie meinen, eine Bäuerin hat das alles zu tun, ihnen ist auch nichts geschenkt worden, und sie haben hart arbeiten müssen.

Anna will auch, dass der Rabl-Hof wirtschaftlich gut dasteht, ihr ist aber auch die Lebensqualität am Hof wichtig. Sie will Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und sich auch einmal ausruhen können. Sie will auch für sich zu sorgen und mit ihrer Familie einen kurzen Urlaub machen.

Die unterschiedlichen Interessen und auch die subjektive Wahrnehmung der Situation am Bauernhof führen zu ständigen Auseinandersetzungen. War am Anfang noch ein guter Wille zu erkennen, so hat sich der Konflikt soweit entwickelt, dass beide Seiten
vom anderen jeweils nur noch das Negative wahrnehmen und über fehlendes Einfühlungsvermögen und generelles Unverständnis klagen.

Vorwürfe sind an der Tagesordnung. Annas Mann und die Kinder sind in dem Konflikt miteinbezogen und stehen zwischen Großeltern und Eltern. Nach der letzten Auseinandersetzung dürfen die Kinder nicht mehr in die Wohnung der Großeltern. Anna und die Schwiegereltern reden kaum noch ein Wort miteinander.
Die Beziehung zu ihrem Mann ist belastet. In Gesprächen mit Freunden beklagt
jeder sein Leid und erzählt, wie unmöglich sich der jeweils andere verhält.

Was ist hier geschehen? Wie wird sich dieser Konflikt entwickeln, wenn nicht Lösungen gesucht werden? Welche Konfliktregelungen sind denkbar?

In unserem Beispiel haben sowohl Anna wie auch deren Schwiegereltern unterschiedliche Bedürfnisse, Lebensvorstellungen und Ziele.
Sie greifen auf andere prägende Erfahrungen zurück. Das Zusammenleben wird besonders dann auf eine harte Probe gestellt, wenn der Ehepartner, die Ehepartnerin in eine Familie kommt, wo ganz andere Werte und Verhaltensweisen gelten, als sie es von der Herkunftsfamilie gewohnt sind.
Wie Menschen am Hof zusammenleben ist stark davon bestimmt, welche Positionen, Rollen und Aufgaben sie in ihrem Familienbetrieb erfüllen wollen und müssen. Jedes Familienmitglied möchte entsprechend seiner individuellen Anlagen persönliche Wünsche verwirklichen und die eigenen Ziele erreichen.
Eigenständigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung sind mit den Bedürfnissen der anderen Familienmitglieder und mit den wirtschaftlichen Erfordernissen des Betriebes in Einklang zu bringen. Dass dabei Konflikte entstehen, ist verständlich. Unterschiedliche Einstellungen, Meinungen und Handlungen prallen aufeinander, wollen beachtet und im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens geregelt werden. Konflikte am Bauernhof sind daher nichts Ungewöhnliches, sondern sie sind üblich und immer zu erwarten, besonders dort, wo starke Persönlichkeiten am Hof leben.

Wenn Anna und ihre Familie in diesem Konflikt nichts für die Konfliktregelung tun oder ungenügend vorgehen, wird dieser Konflikt größer, tiefer und intensiver.
Jedes Zuwarten kann fatal enden. Sobald Konflikte erkannt werden, ist es gut, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern sich sogleich um eine Konfliktregelung zu bemühen.
In ihrem Fall geht es schon darum die andere Person mit voller Absicht zu schädigen. Nicht nur mehr das Wort ist das wichtigste Mittel der Auseinandersetzung. Zur Reizbarkeit und spontanen Ausbrüchen kommen Taten, in denen die Schädigungsabsicht im Vordergrund steht: Zimmer werden zugesperrt, der Zugang zu Garten, Küche oder Wohnzimmer wird unterbunden, der Umgang mit den Kindern wird verboten.
Spätestens jetzt sollte Hilfe von außen in Anspruch genommen werden.

Anna und alle Familienmitglieder könnten mit Unterstützung und Beratung die häufigste Form der Konfliktlösung anstreben, den Kompromiss.
Ein jeder gibt ein wenig nach. Es gibt ein Ergebnis, dass zwar nicht rückhaltlos befriedigt, aber mit dem man doch leben kann. Der Nachteil ist, dass immer ein klein wenig Unzufriedenheit bleibt (Samenkorn für den nächsten Konflikt).

Oder sie bemühen sich um die reifste Konfliktlösung, den Konsens. Die Lösung wird nach eingehender Auseinandersetzung erreicht, mit der dann alle Anna, ihr Mann, die Kinder und die Eltern/Schwiegereltern zufrieden sind. Oft ist das Ergebnis etwas ganz Neues, etwas was zuvor noch nicht von ihnen bedacht worden ist. Hier entsteht die größte Zufriedenheit und es ist die beste Basis für zukünftiges Zusammenleben.

Die Familie am Rabl-Hof hat dann ihre Konflikte erfolgreich bewältigt, wenn alle mit sich und ihrer Umwelt so ins Reine gekommen sind, dass sie wissen, woran sie sind und zukunftsgerichtet handeln können
Konflikte lassen sich dauerhaft nur durch Verbesserung der Beziehungen lösen. Alles andere ist kurzlebig und eine Scheinlösung.
Wenn auch die räumlichen und strukturellen Gegebenheiten das gute Zusammenleben unterstützen (getrennte Wohneinheiten, gemeinsam genützte Räume, klare Absprachen und Zuständigkeiten…), so sind es doch immer wieder die Menschen, die das Zusammenleben gestalten.

Anna uns alle Familienmitglieder werden ihre Konflikte nur dann gut lösen, wenn sie einige wichtige Voraussetzungen beachten:

Sich gegenseitig wertschätzen
Trotz oft großer Unterschiede ist es notwendig, auf gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz zu achten. Ich kann nicht jeden lieben, aber ich kann versuchen, den anderen trotz der Unterschiedlichkeit zu achten und wertschätzend mit ihm umzugehen.

Positive Absichten des Konfliktpartners erkennen
Jeder Mensch will mit dem, was er tut, für sich etwas Positives erreichen. Das kann für den Konfliktpartner durchaus nicht angenehm oder sogar verletzend und schmerzlich sein. Für den Menschen aber ist das, was er tut, notwendig. Er hofft, damit seine Ziele zu erreichen. Daher ist es wichtig, sich in den Konfliktpartner einzufühlen und nachzuempfinden, worum es ihm wirklich geht.
Wenn sich in unserem Beispiel die Schwiegereltern in betriebliche Abläufe und auch in die Kindererziehung einmischen, dann geht es ihnen nicht darum zu beweisen, dass sie alles besser wissen und erfahrener sind, sondern es ist zugleich der Hinweis, dass sie auch ihre Erfahrungen einbringen, wertgeschätzt werden wollen, dass sie beachtet werden wollen, dass sie nicht zum alten Eisen gehören wollen.
Eine Konfliktlösung kann gelingen, wenn Anna auf diese Hintergrundabsichten eingeht und darauf Gespräch und Handlungen aufbaut. Nicht das was vordergründig gesagt wird, ist das Wesentliche, sondern das was im Hintergrund mitschwingt, gehört beachtet.

Bevor die Konfliktpartner gegenseitig nicht erkennen, welche positive Absichten
jeder Konfliktpartner für sich hat, ist keine dauerhafte Konfliktregelung möglich

„JA“ sammeln

Wir neigen dazu, wenn jemand mit uns schimpft, wenn wir Vorwürfe erhalten,
wenn uns gedroht wird, oder wenn sogar jemand handgreiflich wird, sofort in die
Verteidigung oder in den Gegenangriff zu gehen. Hilfreicher ist, auf die Beziehungsebene einzugehen, nicht sofort alles erklären zu wollen und sachliche Entschuldigungen zu finden. Verbessern Sie gestörte Beziehungen, indem sie auf den Menschen eingehen und nachempfinden, wie es ihm jetzt ergeht. Dann sprechen sie seine Gefühle an und wiederholen mit eigenen Worten sein Anliegen. Sie spiegeln den Konfliktpartner.

Es gibt hier ein Zauberwort, an dem Sie erkennen können, wie sehr Sie genau die Situation und das Anliegen ihres Konfliktpartners erfasst haben. Das Wörtchen „JA“ .Sprechen Sie so, dass ihr Gegenüber so oft wie nur möglich antworten kann: Ja, Ja, so ist es, Ja, das meine ich, Ja, so geht es mir, Ja, das möchte ich….

Je mehr Jas Sie bekommen, umso stärker sind sie bei dem Menschen und umso mehr zeigen sie durch ihr Verhalten, dass sie ihn verstehen. Er wird ihnen, indem er erfährt, dass sie ihn verstehen, immer weniger böse sein können. Die Beziehung wird sich verbessern und wenn die heiße Phase des Konfliktes vorbei ist, können sie dann mitsachlichen Argumenten ihre unterschiedlichen Absichten und Meinungen diskutieren und eine gute Lösung finden

Gewaltfrei miteinander reden

Die Methode „Gewaltfreie Kommunikation“ ist eine der hilfreichsten im Umgang mit Konflikten. Sie richten dabei ihre Aufmerksamkeit auf vier Bereiche und hilft dem Konfliktpartner das gleiche zu tun:

Zuerst beobachten Sie, was tatsächlich geschieht und teilen das ohne Bewertung
und Beurteilung mit.
Dann sprechen Sie die Gefühle aus, die Sie in der Situation erleben.
Im nächsten Schritt geht es darum, ihre Bedürfnisse zu nennen, die hinter den
Gefühlen stehen,
und zum Schluss sagen Sie klar und eindeutig was Sie wollen.

Am Rabl-Hof könnte das so ablaufen:

Anna (schildert ihre konkrete Beobachtung – ohne Bewertung-ohne Verurteilung): Ich habe gesehen, dass meine Kinder sofort nach der Schule zu euch in eure Wohnung gegangen sind. Als sie nach einer Stunde zu mir gekommen sind, sagten sie mir, dass sie bei euch schon zu Mittag gegessen haben.

Anna (sagt wie sie sich gefühlt hat): Ich bin enttäuscht und ärgere mich.

Schwiegereltern (schildern Ihre konkreten Beobachtungen): Ja, die beiden Kinder kommen sofort nach der Schule zu uns. Wir bemerken, dass dir das nicht gefällt. Wir sehen auch, dass du um diese Zeit viel zu tun hast und im Garten, in den Gästezimmern oder im Haushalt beschäftigst bist.

Schwiegereltern (sagen wie sie sich fühlen): Wir freuen uns, dass die Kinder zu uns kommen und sind zugleich auch verärgert, wenn du das unterbinden willst.

Schwiegereltern (nennen ihr Bedürfnis und sagen, warum sie das Gefühl hatten): Wir wollen oft mit den Kindern beisammen sein, sie mögen uns und wir sie. Sie heitern unseren Alltag auf. Wir verstehen aber nicht, warum du sie nicht zu uns lässt.

Anna (nennt ihr Bedürfnis und sagt warum sie das Gefühl hat): Ich will, dass unsere Kinder, wenn sie von der Schule nach Hause kommen zuerst zu mir ins Haus gehen, weil ich mit ihnen absprechen kann, ob sie bei euch oder bei mir Mittagessen und was wir am Nachmittag vorhaben.

Anna (spricht eine klare Bitte aus): Wenn sie wieder einmal zuerst zu euch kommen, schickt sie bitte zuerst zu mir.

Schwiegereltern (sprechen eine klare Bitte aus): Bitte reden wir darüber. Wir wollen, dass wir, du und die Kinder gut miteinander zusammenleben.

Diese gewaltfreie Kommunikation beachtet also das, was ich beobachte, wie ich mich dabei fühle, was ich brauche und was ich will. Zugleich beachten wir auch bei unserem Konfliktpartner die vier Bereiche: Was er macht, was er fühlt, was er braucht und was er will!
So können wir nicht nur zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepartnern und zwischen allen anderen Familienmitgliedern reden, sondern es ist auch hilfreich bei täglichen Konflikten in der Berufs- und Arbeitswelt.

Anna, ihr Mann, die Kinder und die Schwiegereltern können diese Prinzipien zu ihrer Grundhaltung machen. Mit den wenigen grundlegenden Einstellungen lernen sie rücksichtsvoll miteinander umzugehen, verbessern ihre Beziehungen und schaffen so die Basis für gutes Zusammenleben.

Graz, August 2017, Eduard Ulreich