Was zählt im Leben?

Artikel für die Festschrift zur 150-Jahr Feier der FS Alt Grottenhof
Eduard Ulreich

Was zählt im Leben?
Zukunft Bauernhof – Gutes Leben in der Familie und erfolgreich im Betrieb

Was zählt im Leben? Geld, Macht, das Ausrichten des Denkens und Handelns auf wirtschaftlichen Erfolg? Oder stehen freudvolle Beziehungen, Wertschätzung und Harmonie in der Familie und ein menschlicher Umgang mit allen im Vordergrund? Ist es möglich, das eine zu haben und das andere nicht? Oder ist für ein erfülltes Leben nicht beides von gleich großer Bedeutung? Dieser Artikel will zum Nachdenken anregen, was für Sie persönlich wirklich wichtig ist.

Bäuerliche Familien prägen das kulturelle und wirtschaftliche Leben im ländlichen Raum. Wenn sich auch seit dem Jahr 2000 die Produktion in der österreichischen Landwirtschaft deutlich verändert hat (1), so sind die grundlegenden Anforderungen an Bäuerinnen und Bauern immer noch dieselben geblieben. Unsere Land- und Forstwirte sind Lebensmittel-, Rohstoff- und Energieproduzenten im Haupt-, Neben- und Zuerwerb. Sie bewirtschaften, pflegen, erhalten und erfüllen Dienste für lebenswerte Landschaften sowie den gemeinsamen Lebens- und Arbeitsraum in unserer Steiermark. Die landwirtschaftlichen Familienunternehmen gestalten ihren Grund und Boden in großer Vielfalt und nachhaltig für nachfolgende Generationen. Als marktorientierte Unternehmer sind die bäuerlichen Familienbetriebe Stützen einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft.

Bäuerinnen und Bauern haben eine große Bedeutung als Experten und Wissende um die Gesetze des Wachsens und Werdens in der Natur und als Hüter tief verwurzelter Werte.
Sie stehen wie schon bisher – aber heute ganz besonders – im Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichem Überleben, wirtschaftlichem Erfolg und einem menschlichen guten Leben in ihrer Familie.
Bäuerin bzw. Bauer zu sein ist ein herausfordernder Beruf. Nicht nur, weil besondere Voraussetzungen wie zum Beispiel Interesse an Natur und Umwelt, Umgang mit Tieren und Pflanzen, handwerkliches Geschick und kaufmännisches Verständnis sowie körperliches Leistungsvermögen verlangt werden, sondern auch weil die bäuerliche Familie der Ort des Wirtschaftens und zugleich der Ort des persönlichen Lebens ist!
Menschen bewältigen diese Herausforderungen dann besonders gut, wenn sie im Laufe ihres Lebens nachstehende drei Kompetenzen erworben haben:

• Eine fachlich gute Ausbildung,
• Persönliche und soziale Stärke und
• Ethisch klare Werthaltungen.

Eine fachlich gute Ausbildung ist nach wie vor ein Schwerpunkt im österreichischen landwirtschaftlichen Schulsystem und in der Erwachsenenbildung. Die solide theoretische Ausbildung ist die Basis für einen späteren Erfolg.
Die gesetzlichen Ausbildungsziele beinhalten gemäß Website des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW):

• Selbständige Führung eines land- und forstwirtschaftlichen Betriebes oder Haushaltes,
• Ausübung einer sonstigen verantwortlichen Tätigkeit in der Land- und Forstwirtschaft,
• Erfüllung der multifunktionalen Aufgaben der Land- und Forstwirtschaft und
• Erweiterung und Vertiefung der Allgemeinbildung.
Schulen, Erwachsenenbildung und Beratungseinrichtungen in Österreich zeigen eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur und Angebotsvielfalt. Ihr Hauptziel ist es, das Einkommen von Landwirtinnen und Landwirten aus ihrem Betrieb oder aus landwirtschaftsnahen Tätigkeiten zu sichern sowie deren persönliche und betriebliche Entwicklung zu unterstützen.
Die hervorragenden Möglichkeiten fachliche Kompetenz auf schulischem Wege zu erwerben reichen von der Lehrlingsausbildung, den Besuch einer landwirtschaftlichen Fachschule, über den Facharbeiter, der Meisterausbildung bis zu einem universitären Abschluss. Die Ausbildung ist praxisorientiert und umfasst die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Land- und Ernährungswirtschaft, Obst- und Weinbau sowie Gartenbau. Zudem bieten die außerschulische Bildung und die Erwachsenenbildung, besonders die ländlichen Fortbildungsinstitute, eine große Vielfalt an fachlichen Weiterbildungen an.

Persönliche und soziale Stärke bedeutet, mit sich selbst gut zurechtzukommen, sich selbst zu vertrauen und mit viel Selbstdisziplin seinen Alltag zu gestalten. Menschen mit großer sozialer Kompetenz handeln selbstwirksam, selbstbestimmt und eigenverantwortlich. Sie sind hilfsbereit, haben eine große Menschenkenntnis und es zeichnet sie Empathie aus. Sie sind kritikfähig aber auch tolerant und kompromissbereit. Sie pflegen einen respektvollen, wertschätzenden Umgang mit anderen, sind teamfähig und besitzen Führungsfähigkeiten. Sie verstehen die anderen und können sich ihnen gegenüber situationsangemessen und klug verhalten. Sie haben ein großes Verantwortungsgefühl, sind großmütig und ein Vorbild für die anderen Familienmitglieder.

Ethisch klare Werthaltungen beinhalten, dass der Mensch nicht Wasser predigt aber Wein trinkt, sondern dass man sich auf ihn uneingeschränkt verlassen kann. Er hat Grundsätze, die menschliche Offenheit und stabile Positionen im Leben geben. Man kann sich an ihn anlehnen. Er gibt Sicherheit, zeigt Möglichkeiten aber auch Grenzen auf. Er hat die Fähigkeit, die ureigensten Fragen nach dem Sinn des Seins, dem Sinn des Handels für sich selbst beantworten zu können. Kurz gesagt: Wer bin ich und wie will ich in der Welt wirken?

Die Anforderungen denen sich Bäuerinnen und Bauern gegenüberstehen sind heutzutage so vielfältig, dass für eine erfolgreiche und zufriedenstellende Lebensgestaltung eine Kompetenz alleine nicht ausreichend sein kann. Wenn Sie zum Beispiel in allen fachlichen, wirtschaftlichen Angelegenheiten top sind, aber im Umgang mit sich und mit den anderen hart, unmenschlich oder hilflos sind, werden sie trotz bedingtem wirtschaftlichen Erfolg kein glückliches Leben führen können. Ebenso führt eine Ausrichtung nur auf sich oder aber auf Harmonie mit allen Menschen ohne Beachtung der notwendigen wirtschaftlichen Basis zu keiner dauerhaften Zufriedenheit.
Von Bäuerinnen und Bauern wird heutzutage verlangt, dass sie Expertinnen und Experten in betriebswirtschaftlichen Angelegenheiten sind. Sie sollen Kompetenzen im Umgang mit Tieren und Pflanzen haben, sie sollen Experten in der Vermarktung, in der Gäste- und Kundenbetreuung sein und noch Vieles mehr. Sie haben zugleich verschiedenste Rollen im Alltag zu erfüllen: Sie sind einerseits Betriebsführerinnen und Betriebsführer mit der Verantwortung für betriebswirtschaftlichen Erfolg und andererseits sind sie in der Familie auch Opa, Oma, Vater, Mutter oder Kind mit der Aufgabe Zusammenarbeit und Zusammenleben mitzugestalten und Vorbild zu sein. Menschlicher Umgang und fürsorgliches Denken stehen hier im Mittelpunkt.

Im Laufe der Zeit haben die Lernziele, die durch Erziehung, Schul- und Erwachsenenbildung erreicht werden sollen, deutliche Veränderungen erfahren. Es sind besondere Kenntnisse, Fähigkeiten und Werte erforderlich, um Betriebsführerinnen und Betriebsführern das nötige Rüstzeug zu vermitteln, damit sie ihren Betrieb zukunftsorientiert und erfolgreich führen können. Auf diese Herausforderung hat das landwirtschaftliche Schulwesen bestens reagiert. Nur eine umfassende Ausbildung kann den Anforderungen der Landwirtschaft und Wirtschaft gerecht werden. Auch in der fachlichen Ausbildung steht die Förderung der gesamten Persönlichkeitsentwicklung des Menschen mehr und mehr im Mittelpunkt.
Persönliche und soziale Kompetenz, fachliche Kompetenz sowie ethische Kompetenz bedingen sich gegenseitig. Es ist müßig zu spekulieren, welche der angeführten Kompetenzen hier wichtiger ist! Alle drei sind vonnöten. Im wahrsten Sinne des Wortes „von Nöten“, um mögliche Not abzuwenden und zufriedenes Leben zu ermöglichen.

Wenn Sie darüber nachdenken, welche der drei Kompetenzen für Sie welche Bedeutung hat, oder welche Sie noch mehr ausbauen sollten, dann können Sie ihre Entscheidung durch ein kleines Gedankenexperiment vorbereiten.

Stellen Sie sich vor, Sie führen als Produktions- und Wirtschaftsexpertin einen Bauernhof. Sie erzielen Gewinne und sind erfolgreich, weil Sie ihre wirtschaftlichen Ziele erreicht oder sogar übertroffen haben. Zugleich aber leben Sie mit ihrer Familie in ständigem Streit. Sie fühlen sich missverstanden, alle Welt scheint gegen Sie zu sein. Sie betreiben Raubbau mit ihrem Körper und verlangen auch von sich nahezu Unleistbares, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wann ihr Körper stopp sagt oder Sie sogar krank werden. Sie fühlen sich einsam und menschlich nicht verstanden! Ist diese Situation erstrebenswert?

Stellen Sie sich vor, Sie leben auf ihrem Hof mit ihrer Familie in Harmonie und bestem gegenseitigen Verständnis. Sie kennen sich und ihre Bedürfnisse sehr gut und kennen auch die Menschen mit denen Sie zusammenleben und arbeiten bestens. Allerding schaffen Sie keinen wirtschaftlichen Erfolg. Immer wieder müssen Sie erkennen, dass ihre fachliche Kompetenz einfach zu dürftig ist. Die Sorge wie Sie die notwendigen Zahlungen tätigen können werden immer größer. Die Schulden häufen sich und das wirtschaftliche Überleben ist in Gefahr. Ihre Bedürfnisse und die der Familienmitglieder haben Sie schon auf ein Minimum reduziert. Sie fühlen sich zwar geborgen in ihrer familiären Beziehung sowie dank der guten menschlichen Kontakte in ihrer Umgebung, zugleich fühlen Sie sich aber auch hilflos und Zukunftsängste mindern ihre Lebensqualität. Ist diese Situation erstrebenswert?

Stellen Sie sich vor, Sie leben auf ihrem Hof mit ihrer Familie. Sie kennen sich und die anderen gut und wissen, was jeder will und fähig ist zu leisten. Sie wissen, dass wenn Menschen selbstbestimmt und selbstbewusst ihr Leben gestalten unterschiedliche Meinungen der Alltag sind. Konflikte, die sich daraus ergeben werden mit einer respektvollen Grundhaltung ausgetragen. Sie schätzen sich und die Familienmitglieder und alle anderen Menschen in ihrer Lebenswelt, weil Sie auf ein Grundvertrauen bauen können. Der Sinn des Lebens ist ihnen klar.
Sie sind fachlich gut ausgebildet, und bilden sich immer wieder weiter. Sie verstehen die wirtschaftlichen Abläufe und akzeptieren die naturbedingten Bedingungen. Es ist eine ständige Herausforderung, die Existenzgrundlagen zu erwirtschaften und auch an die Nachfolge im Betrieb zu denken. Sie können von sich sagen, dass Sie betriebswirtschaftlich ausreichend erfolgreich sind und sind auch stolz auf das Erreichte und auf ihre Familie. Ist nicht diese Situation erstrebenswert?

Aus diesem Gedankenexperiment erkennen Sie, dass die übermäßige Bevorzugung nur einer Kompetenz und zugleich die Vernachlässigung der anderen Kompetenzen keine gute Option für ein zufriedenes Leben darstellt. Nur wenn die drei Kompetenzen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander entwickelt worden sind, haben Sie die Basis für ein zufriedenes, erfolgreiches Leben geschaffen.
Schon in den 50-iger Jahren hatten die 4-H Clubs, als Vorläufer der Landjugend Österreichs ähnliche Werte vorgeschlagen. Sie stellten Hirn Herz und Hand für die Gestaltung der Heimat in den Mittelpunkt ihrer Bildung. Was damals hilfreich war, ist heutzutage wiederum nützlich und notwendig um den Alltag gut zu bewältigen und für die Zukunft gerüstet zu sein.

 

Literaturangaben:

(1) Franz Sinabell Wirtschaftliche Herausforderungen für die Landwirtschaft – 5. Umweltökologisches Symposium 2016, Höhere Bundeslehr-und Forschungsanstalt, Raumberg-Gumpenstein.

Dipl. Ing. Mira Palmisano, Diplomarbeit Universität für Bodenkultur Wien Studienrichtung Landwirtschaft: „Werte und Einstellungen von Biobauern und Biobäuerinnen in der S- und SW-Steiermark“. 2009

Franz Höllinger, Anja Eder, Eva-Maria Griesbacher und Sabine Haring, mit Beiträgen von Leopold Kirner und Eduard Ulreich.
„Bäuerliche Lebenswelten in Österreich am Beginn des 21. Jahrhunderts“
Die Lebenswelt österreichischer Bauern und Bäuerinnen hat sich in den letzten Jahrzehnten zusehends verändert. Die erfolgreichen LandwirtInnen von heute entwickeln neue Produktionskonzepte und Marketingstrategien und bewältigen umfangreiche bürokratische Anforderungen. Sie tun dies seit jeher in Familienbetrieben, auf denen mehrere Generationen zusammen leben und arbeiten. Aber wie vereinbaren sie die traditionellen Arbeits- und Wohnarrangements mit den heutigen Vorstellungen von Partnerschaft und Familie? In diesem Buch wird anhand der Ergebnisse einer aktuellen Studie untersucht, wie österreichische Bauern und Bäuerinnen ihre Arbeitssituation und ihre Lebensbedingungen wahrnehmen und welche Ideen und Strategien sie entwickeln, um sowohl in ökonomischer als auch familiärer Hinsicht eine gute Lebensqualität zu bewahren oder wieder zu erlangen.

Leykam Verlag, Erscheinungsdatum  Dezember 2017

E. Ulreich, Graz, 17.08.2017