Was tun, wenn wir nicht loslassen können ?

 
„Wir haben den Betrieb aufgebaut und dabei viele Entbehrungen und Mühen auf uns genommen. Wir haben alles getan, um unser wirtschaftliches Leben und Überleben zu sichern. Zuerst kam der Betrieb und dann erst die Menschen. Die persönlichen Bedürfnisse des Partners und der Kinder mussten hintanstehen.“
Solche Aussagen von Übergebern habe ich bei den Beratungen immer wieder gehört. Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit stand im Mittelpunkt des Denkens und Handelns.
Der Alltag war erfüllt von Früh bis spät Abends mit Arbeit. Da blieb wenig Zeit für die persönlichen Bedürfnisse. Wenig Zeit für die Befriedigung eigenerBedürfnisse und schon gar nicht für die Bedürfnisse der Anderen. Darüber wurde auch nicht viel gesprochen. Gemeinsame Aktivitäten, Zeit für die Kinder, um mit ihnen etwas gemeinsam zu unternehmen, gab es auch,aber ganz selten. Für viele Bäuerinnen und Bauernwar Urlaub so etwas wie ein Fremdwort, etwas das man sich nicht leisten konnte und wollte.
Bestenfalls gab es einige Minuten am Abend, wenn das Tagwerk vollbracht war, wo sich die Erwachsenen gemeinsam an den großen Küchentisch gesetzt haben. Aber auchdabei wurde vorwiegend über wirtschaftliche Angelegenheiten gesprochen.
Junge zukünftige HofübernehmerInnen und Hofübernehmer erzählen mir immer wieder, wie sehr sie es sich gewünscht haben, dass Vater und/oder Mutter mehr Zeit für sie gehabt hätten. Viele Bäuerinnen und Bauern, sind fest verwurzelt mit ihrem Besitz. Besonders dann, wenn der Hof als Erbhof von Generation an Generation weitergegeben worden ist. Alles ist ihnen vertraut. Sie haben die Gebäude aufgebaut oder renoviert, Räume eingerichtet, Gärten angelegt und Wälder gerodet oder aufgeforstet. Sie haben an vielem, oft nur an scheinbar Kleinigkeiten, selber Hand angelegt und es so geschaffen, dass es für sie zweckmäßig war und sie sich wohl fühlen konnten. Sie haben ihre Äcker, Wiesen und Wälder bewirtschaftet und dabei eine tiefe innere Beziehung zu ihrem Besitz und zur Natur aufgebaut.
Nun kommt die Zeit, wo sie all das, was sie sich geschaffen haben und wo sie jeden Stein, jedes Gestrüpp, jeden Weg kennen,
einen ihrer Kinder übergeben sollen. Wenn sie noch rüstig sind und noch viele Arbeiten selber verrichten können, dann ist es besonders schwer die Hände inden Schoß zu legen und nichts oder fast nichts mehr zu tun. Das Leben war bisher durch Arbeit geprägt. Wer arbeiten konnte, der galt auch etwas. Der eigene Wert war bestimmt durch die
Arbeit, die man verrichtet hat. Viel Arbeit, viel Ehr! Es ist auch zur Gewohnheit geworden schon frühmorgens aufzustehen und sein Tagwerk zu beginnen. Sei es im Haus oder bei der Außenwirtschaft, zu tun gab es immer etwas. Selbst der Sonntag wurde genützt um seine Spaziergänge über die eigenen Wiesen, Äcker oder Wälder zu machen und dabei nach dem Rechten zu sehen. Spätestens dann, wenn die Übergabe geplant wird, stellen sich die bisherigen Besitzer des Hofes viele Fragen, auf denen sie kaum Antworten finden.
„Das alles, was mir bisher Sinn im Leben gegeben hat, soll nun auf einmal vorbei sein? Wasund wer bin ich denn eigentlich, wenn ich nicht mehr arbeitenkann? Werde ich nochgebraucht? Was mache ich nun den ganzen Tag? Wie werden wir Jung und Alt in Zukunft zusammenleben? Darf ich meine Enkerln sehen? Kann ich mit ihnen etwas unternehmen, ihnen etwas beibringen und sie in vielen Kleinigkeiten unterweisen? Wenn ich pflegebedürftig werde, wer wird michpflegen? Wo werde ich leben? Muss ich vielleicht in einHeim gehen?“
 
Bedenkt man die persönlichen Lebensgeschichten und die Verwurzelung der Bäuerinnen und Bauern mit dem Grund und Boden, dann ist es verständlich, dass es vielen sehr schwer fällt loszulassen. Sie können und wollen sich nicht auf die Zukunft einstellen, von der sie nicht wissen, wie es nach der Übergabe sein wird. Das Sprichwort „Übergeben nimmer leben“ ist am Lande allen bekannt. Wenn auch viele die Übergabe gut planen und mit den Nachfolgern Vieles abgesprochen und vereinbart werden kann, so ist der Inhalt dieser „Weisheit“ doch immer wieder im Kopf. Die Folge ist, dass sich so mancher Übergeber denkt: „Übergeben wird erst nach meinem Tode, ich arbeite bis ich nicht mehr kann.“ Viele Hofbesitzer übergeben und wollen aber dennoch bei allem und jedem mitreden und
mitentscheiden. Vor allem dann, wenn Jung und Alt in nicht klar getrennten Wohneinheiten leben ist es noch schwerer Arbeit, Wohnen und Zusammenleben neu zu regeln.
Loslassen ist nicht nur eine Forderung an die Alten, sondern es betrifft im gleichen Maße auch die Jungen. Auch sie müssen lernen loszulassen! Sie sind ebenso in bisherigen Gewohnheiten gefangen. Sie haben ihre Eltern und Großeltern als Menschen erlebt, die vorgegeben haben, was wann, wo und wie zu machen war. Sie haben von ihnen
Arbeitsweisen und Einstellungen übernommen oder sich bewusst und oft auch unbewusst gegen die Eltern gestellt.
Wenn es ums Loslassen geht, möchte ich auf eine Aussage einer Kollegin hinweisen, die bei diesem Wort im Zusammenhang mit Übergeben und Übernehmen imm er wieder darauf aufmerksam macht, dass die Menschen beim Loslassen darauf achten sollen, dass das was sie loslassen imAugenblick vielleicht die Krücke ist, die ihnen das Leben ermöglicht. Wesentlich für die Fähigkeit loslassen zu können ist es nachzusp üren welchen Sinn ich denn in der augenblicklichen Lebenssituation sehe. Es ist wichtig für die Gegenwart und für die Zukunft etwas zu haben oder zu finden, was Freude macht und wofür es sich lohnt zu leben.
Ich kann nur dann loslassen, wenn zur gleichen Zeit auch etwas anderes für mich wichtig wird.
War es früher das fast „Rund um die Uhr Arbeiten“, die Verantwortung tragen, Macht haben, Pflicht erfüllen, Bestimmen und beeinflussenkönnen, so kann das im späten Alter ganz etwas Anderes sein. Zum Beispiel die Übernahme von Bereichen und Arbeiten, die sonst niemandam Hof machen kann, die Pflege von Angehörigen, die Beschäftigung mit den Enkeln, Reisen und andere Hobbys für die nun endlich Zeit zur Verfügung steht und vieles noch mehr.
 
Was kann man aber wirklich tun, damit sowohl die Alten wie auch die Jungen loslassen können, um ihr Zusammenleben bestmöglich zu gestalten?
Die für mich 5 wichtigsten Verhaltensweisen und Einstellungen, die ein Loslassen erleichtern, sind:
1.
Das eigene Leben verstehen.
Reflektieren, warum ich der/die bin, der/die ich bin! (Sinn, Aufgabe finden auch im Alter)
2.
Verständnis und Respekt haben für die Lebensart der anderen Familienmitglieder
3.
Verzeihen lernen
4.
Wiederentdecken von Liebe und Urvertrauen
5.
Freiraum schaffen und Freiraum geben
 
 
1. Das eigene Leben verstehen
Warum sich Menschen so und nicht anders verhalten hat viele Ursachen. Wir sind sowohl von unseren Genen, wie auch von unserer Umwelt beeinflusst. Anlage stellen die Basis dar und können verkümmern oder entwickelt werden. Die Art und Weise wie wir unsere Kinder- und Jugendjahre in der Familie erlebt haben, hatebenso einen großen Einfluss auf unser jetziges Verhalten. .Entweder verhalten wir uns so, wie wir es gelernt haben und gewohnt sind, oder wir versuchen ganz das Gegenteil in unserem Leben zu tun. Die Lebensgeschichte prägt jeden Menschen. Es ist bedeutsam für unser aktuelles Verhalten, wie die Alten ihre Kindheit erlebt haben.
In jedem Bauernhof gibt es ganz bestimmteEinstellungen, Werte und Verhaltensweisen, die die Familienkultur ausmachen. Es macht Sinn darüber nachzudenken, welche Werte die Übergeber als Kinder gelebt haben. Waren sie selber eigenständig und selbstbestimmt oder von ihren Eltern lange abhängig und mussten tun was diese verlangt haben. Wenn junge Erwachsene auch immer wieder sagen, so wie mein Vater oder meine Mutter waren, so möchte ich später einmal nicht werden, so kann man doch feststellen, dass wir uns im späten Alter genau so verhalten wie unsere Eltern vor vielen Jahren. Wenn zum Beispiel die Übergeber in ihrer Kinder und Jugendzeit erfahren haben, dass sich ihre Eltern in allen Lebenslagen eingemischt haben, dass sie ihnen vorgeschrieben haben welche Arbeit sie wie zu verrichten oder sogar welche Freunde sie haben durften und welche nicht dann kann zwar der Gedanke stark sein, es bei den eigenen Kindern anders zu machen. Wenn sie
aber dann selber in der Situation stehen, in der ihre Eltern vor Jahrzehnten waren, dann ist es nicht selbstverständlich, dass sie auch anders handeln.
Das Gewohnte hat eine große Macht.
Sehr ofthandeln diese Menschen dann auch so, wie sie es selber erlebt haben. Ein gutes Leben miteinander setzt aber zuerst voraus, dass ich über meine eigenen Wünsche,
Hoffnungen, Sorgen und Ängste Bescheid weiß, dass ich weiß warum ich so bin wie ich bin. Erst wenn ich mich besser verstehe, kann ich auch lernen den anderen zu verstehen. Die Reflexion über sich und sein Verhalten ist nicht so einfach und in vielen bäuerlichen Höfen sehr ungewohnt. Sie ist aber ein erster wesentlicher Schritt zu einem selbstbestimmten, eigenständigen Leben. Denn wenn ich nur handle und nicht weiß was, wer und welche Ereignisse mich in meinem Verhalten beeinflussen, kann ich auch nicht bewusst leben.
Im Übergabe/Übernahme-Beratungsprozess bieten Einzelgespräche, Aufarbeiten der Familiengeschichte und Betriebs-und Familienaufstellungen eine wertvolle Unterstützung für diesen Entwicklungsschritt. Um ein Ziel zu erreichen, muss ich mir zumindest im Klaren sein wohin ich wirklich will. Ich muss wissen von wo aus ich weggehe und welche Ausrüstung ich zur Verfügung habe. Dann kann ich entscheiden ob ich diese Ziel wirklich erreichen will und was
alles ich weglassen kann oder sogar muss um den Weg zum Ziel gehen zu können.
 
2.
Verständnis und Respekt haben für die Lebensart der anderen
Wir Menschen sind verschieden. Es gibt keinen anderen Menschen, der so ist wie ich. Wenn wir es manchmal auch gerne so hätten, damit wir den anderen schneller und leichter verstehen können, müssen wir immer mit der Tatsache zurechtkommen, dass der andere anders ist. Das betrifft jeden einzelnen Menschen: Vater, Mutter, Oma, Opa und jedes Kind ist eine eigenständige unverwechselbare Persönlichkeit. In unserer heutigen Zeit, wird die individuelle Entwicklung besonders beachtet.Die Menschen wollen immer weniger abhängig sein. Selbstverantwortung und Selbständigkeit wird besonders von den Jungen in allen Lebenslagen angestrebt.
Ich bin ich-Du bist Du und wir in unserer Familie sind anders als die Familie in der ich zum Beispiel eingeheiratet habe.
Die Familienkultur prägt jeden Menschen am Hof. Werte und Verhalten, die auf dem einen Hof gelten werden woanders ganz anders gelebt. In einem Hof ist es zum Beispiel üblich alle Situationen offen anzusprechen und man kann mit allen über alles reden. In einem anderen Hof kann genau das Gegenteil von Bedeutung sein . Es wird nichts offen gesagt, sehr wenig gesprochen und Konflikte eher unter den Tisch gekehrt. Das was auf einem Hof bedeutungsvoll und wichtig ist, gewissermaßen eine Grundregel für
das Zusammenleben darstellt, gilt nur in dieser Familie.  Anderswo leben die Familienmitglieder nach ganz anderen Regeln.
 
Was bedeutet diese Tatsache für ein gutes Zusammenleben und für ein Loslassen im richtigenAusmaß zur rechten Zeit?
Toleranz, Verständnis haben, Sein lassen, Nicht verändern wollen, so dass der Mensch so wird wie ich. Loslassen der Vorstellung des Bildes, das wir uns von dem Anderen
gemacht haben. Nicht urteilen über den Andern, sondern versuchen zu verstehen. Nicht werten und bewertensondern offen sein für das Andere, für den Anderen… Loslassen dann, wenn ich noch oder schon ein weiters Ziel, einen weiteren Ausrüstungsgegenstand habe, der mir hilft zum Ziel zu kommen, Menschen, die nicht loslassen können, kommen mir vor wie Wanderer auf einen Berg, die den Rucksack voll bepackt haben, mit all dem, was sie bisher im Leben alles gemacht, erreicht und erfahren haben.
Erinnerungen, Beziehungen, Erfahrungen, materiellen Werte und ideologische Einstellungen. Viel Nüzliches und aber auch viel wenig Nützliches. Sie sind wieMenschen, die nicht bedacht haben, was sie wirklich für diese Lebensetappe brauchen und was ihnen hilft, ihr Ziel zu erreichen. Sie schleppen sich mühsam Schritt für Schritt den Weg
entlang und beklagen sich auch noch darüber, wie schwer sie es haben, dass sie so Vieles im Rucksack haben, dass sie keine Hilfe finden.
Nicht loslassen bedeutetfür mich, um mitdem Bild des Wanderers zu sprechen, dass sie auch bei ihrem Weg ihre Kinder an die Hand nehmen, sienicht loslassen und ihnen immer wieder sagen wollen, wo undwie sie zu gehen haben. Vielleicht haben sie Angst und Sorge, dass ihre Kinder nicht den richtigen Weg gehen können, oder dass sie mit
falschen Partnern oder Mitteln unterwegs sind.
 
 
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931
 
Kinder, die nicht loslassen können, suchen möglicherweise noch immer Schutz und Hilfe, Anleitung und Unterstützung. Vielleicht brauchen sie auch noch immer den Widerpart, die Auseinandersetzung, den Reibebaum. Sie halten fest an dem Bild ihrer Eltern und geben sich und ihren Eltern aber vor allem der Beziehung keine Chance zur
Veränderung. Zeitgerecht loslassen hilft den Alten dem Alter einem neuen Sinn zu geben und ermöglicht die Jungen Verantwortung für sich zu übernehmen.
Zeitgerecht loslassen stärkt alle Beteiligten und unterstützt ein gesundes, befriedigendes Leben.
 
Loslassen ist möglich. In wenigen Schritten tun Sie sich Gutes und gleichzeitig helfen Sie damit allen, die mit ihnen zusammenleben.  Zuerst sich selber verstehen und annehmen, dann den anderen verstehenund respektieren. Verzeihen wo es angebracht ist und dann gemeinsam die Art und Weise des Zusammenlebens in der Gegenwart und für die Zukunft entwickeln.
 
Artikel von Eduard Ulreich, überarbeitet 2018